Mein Lehrer, der Stachelbeerstrauch

//Mein Lehrer, der Stachelbeerstrauch

Mein Lehrer, der Stachelbeerstrauch

Es ist Sommer, dieses Jahr haben die Stachelbeeren besonders gut getragen.

Ich freu mich über die in der Sonne gereiften Früchte. Sie schmecken herrlich. Am besten schmecken sie vom Strauch direkt in meinen Mund. Es sind so viele. Da mache ich Kompott und Marmelade daraus.
Das Ernten ist für mich eine ganz besondere Tätigkeit. Ich bewundere die Früchte, wie sie in so kurzer Zeit zu solcher Vollkommenheit herangereift sind. Wie das Sonnenlicht immer mehr Zucker in ihnen hergestellt hat, bis sie zu süßlichen Beeren herangereift sind.
Bei jeder Beere die ich abnehme muss ich die Bewegungen meiner Finger unter Kontrolle halten. Denn jedes unkontrollierte abreißen straft mich mit einem Stich. Die Stacheln der Stachelbeeren dulden keine Ungeduld oder hastigen Bewegungen. Sie erinnern mich an meine Geduld. Sie fordern Liebe und Aufmerksamkeit. Sonst sticht es.
Um das Ernten noch mehr zu genießen, atme ich den Duft ein. Ich nehme den ganzen Strauch wahr und ich bin immer wieder erstaunt wie viele Perspektiven sich mir eröffnen. Bei jedem Positionswechsel finde ich wieder neue Beeren, die vorher nicht zu erkennen waren.
Ich verschmelze vollkommen mit mir, meinem Atem, meinem Körper, meinen Gedanken, meinen Bewegungen mit dem Stachelbeerstrauch, seinen Früchten und seinen Stacheln.

Meine Gedanken reichen bis maximal in die Küche zu den Einmachgläsern um die Vorfreude auf die fertige Marmelade und den Kompott.
Stress und Hektik sind weit entfernt. In diesem Moment bei meinem Stachelbeerstrauch gibt es nichts wichtigeres als ihn und mich.
Ich verspüre Dankbarkeit an meinen Lehrer den Stahelbeerstrauch.
Dankbarkeit über die Früchte die er mir schenkt.
Dankbarkeit über die Aufmerksamkeit die er von mir fordert.

 

By | 2018-07-31T16:35:36+00:00 Juli 31st, 2018|Allgemein|